Big London is watching you – Über das neue Sicherheitsempfinden der britischen Hauptstadt

Hochsicherheitstrakt London. Nicht erst seit gestern ist Europas größte Metropole bekannt für ihre enorme Präsenz an Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen. Die Einführung hatte vor einigen Jahren auch eine hitzige Debatte über Persönlichkeitsrechte ausgelöst. Wie groß das Ausmaß der Überwachung ist und wie hoch die latente Angst der Londoner Stadtbevölkerung sein muss, wurde mir allerdings erst vergangene Woche bei einem Besuch der Metropole klar. Meine letzte Reise dorthin lag schon wieder rund sechs Jahre zurück, daher erschien mir der Unterschied besonders krass. Ich wohnte in einem Bed & Breakfast im Borough Lambeth, in der Nähe der Bahnstation Waterloo auf dem Südufer Londons. Die Gegend gilt nicht unbedingt als edelste Adresse der Stadt, ist aber dennoch ein solides Wohnviertel. Trotzdem ist das Thema Sicherheit und Kriminalität nahezu omnipräsent.

Beinahe jedes Haus ist mit einer Alarmanlage gesichert – darunter auch das, in dem ich wohnte. Der Begrüßung durch die Gastgeber folgte zunächst einmal eine umfassende Einweisung in Sicherheitscodes, Türschließmechanismen und die unterschiedlichen Alarm-Signale. Auch auf dem Weg zur Tube-Station „Elephant and Castle“ entdeckte ich an buchstäblich jedem Haus einen Hinweis auf vorhandene Sicherheitssysteme. Um ihre Autos schienen sich die Bewohner Lambeths ebenfalls massiv zu sorgen, denn beinahe jedes zweite Gefährt verfügte über ein Schloss am Lenkrad.

Lenkradschloss

Lenkradschloss. Bildquelle: relaxdays.de

Vielerorts weisen die Behörden auf die unterschiedlichsten Sicherheitsrisiken und Verhaltenstipps hin. „They want your Pod“ – lautet der eindringliche Satz auf einem Schild, das man in dieser Gegend häufig findet. Joggen mit weißen Kopfhörern gelte unter Londonern als absoluter Anfänger-Fehler, wie mir meine Gastgeber später bestätigten.

iPod

Lieber nicht mit iPod joggen. Bildquelle: dpk.com.ua

Was ist nur mit dieser einst so lebensfrohen Stadt passiert? Nicht erst seit den Aufständen des vergangenen Jahres hat das Image der Metropole enorm gelitten. Vielleicht ist es nur mein persönlicher Eindruck, doch London hat sich in meinen Augen zu einem angsterfüllten Hochsicherheitstrakt entwickelt. Völlig überteuerte Mieten und eine angespannte Arbeitsmarktsituation tragen natürlich auch nicht gerade zu einem entspannten Gefühl der Bevölkerung bei.

Nach dem 11. September verfielen bekannterweise auch die Amerikaner in einen kollektiven Angststatus vor allem Fremden. Doch auch zu den angespanntesten Zeiten habe ich dort ein ähnliches Schreck-Gefühl nicht wahrnehmen können. Im Gegenteil: So mancher Bewohner von Los Angeles sperrt nachts vor dem Schlafengehen nicht mal die Wohnungstür ab. Selbst Kapstadt und Rio de Janeiro – nicht gerade bekannt für entspannte, nächtliche Straßenspaziergänge – vermittelten bei mir kein derartig beklemmendes Gefühl wie diese durchschnittliche Wohngegend am Südufer der Themse.

Kamera

Kameras überall. Bildquelle: computeractive.co.uk

Ist die Angst der Bewohner berechtigt oder völlig überzogen? In beiden Fällen bleibt nur zu hoffen, dass sich die Lage auf Dauer wieder entspannt…

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Ein Gedanke zu „Big London is watching you – Über das neue Sicherheitsempfinden der britischen Hauptstadt

  1. Die Frage, ob die Angst der Bewohner berechtigt oder überzogen ist, ist sicherlich schwierig zu beantworten. Ich habe mehrere Monate in Lambeth gewohnt und fand das Sicherheitsbedürfnis meiner Mitbewohnerinnen sehr übertrieben. Ich wurde gebeten, doch bitte mein Fenster nicht gekippt zu lassen, wenn ich morgens das Haus verlasse (mein Zimmer war im ersten Stock), nach ein paar Wochen bekamen wir Gitter an die schmalen Fenster neben der Eingangstür und eine meiner Mitbewohnerinnen war so verängstigt, dass sie immer die Haustür absperrte, wenn sie alleine zu Hause war und dann auch meistens nicht öffnete, wenn jemand klopfte. Für mich als bayerisches Kleinstadtmädchen war das alles schon fast lächerlich. Gleichzeitig war es aber so, dass mir fast jeder meiner Londoner Bekannten von einem Einbruch bei sich oder einem Bekannten erzählen konnte und in unser Büro (im Basement) im schicken Mayfair wurde während meiner Zeit auch mal eingebrochen. Dazu kann ich nur sagen, die Londoner Polizisten sind meiner Meinung nach sehr gut aussehend.
    Einmal kam Sarah (nicht die paranoide Mitbewohnerin) nach Hause und stand plötzlich ängstlich flüsternd vor meinem Zimmer: „Veronika, there are two dodgy men in the alleyway, we have to call the police“. Wir hatten zwischen unserem und dem Nachbarshaus einen kleinen Weg, der über eine Tür zugänglich war, die eigentlich abgesperrt war. Ich wollte natürlich selber zu Tat schreiten und mit einem Besen bewaffnet nachschauen, was los war. Sarah hätte fast einen Herzinfarkt bekommen und meinte nur: „No, it‘s dangerous, they will know what you look like“. Die beiden stellten sich letztendlich als Teenager heraus, die sich einfach nur versteckt hatten, um heimlich Alkohol zu trinken.
    Grundsätzlich finde ich, dass die Vorliebe der Engländer für diese ganzen Sicherheitsmaßnahmen schon lange vorherrscht. Vor knapp zehn Jahren war ich als Au-Pair in den Midlands, auch damals waren überall Schilder, die potentielle Einbrecher vor der „Neighbourhoodwatch“ warnten. Und der Eingang der primary school meines Au-Pair Kindes war mit einem Zahlenschloss versehen (der Code war 1234, damit ihn sich die lieben Kleinen auch merken konnten). Grundsätzlich ist auch das sehr zwiespältiges Verhältnis der Engländer zur Überwachung faszinierend. Millionen von Kameras sind völlig in Ordnung aber man sträubt sich gegen ID-Cards. Da sage ich nur: „Let’s have a nice cup of tea, my darlings“.

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