München und seine ganz eigene Dynamik: Small – gemütlich – beautiful und ohne „Leuchtturm“ – reicht das für die Zukunft?

Liebeserklärung geht anders? Nein – ich stehe sicherlich nicht im Verdacht, diese Stadt nicht zu lieben. Zugegeben: als ich vor mehr als drei Jahrzehnten von einem auf den anderen Tag von der damaligen Bundeshauptstadt Bonn nach München beordert wurde, hätte ich mir bei aller gegebenen Fantasie nicht vorstellen können, mich als bekennender Westfale an der Isar so richtig wohl zu fühlen. Auch wenn ich die ausgeprägte Schwäche für das Meer nicht unterdrücken mag: München ist Heimat geworden… und wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bleiben.Und das eben nicht wegen der viel zitierten Nähe zu Italien. Ich mag die Stadt, ihre Menschen und schätze die sprichwörtliche Toleranz. Ich freue mich aufrichtig, wenn die Stadt nur so von Touristen wimmelt. Wenn arabische Familien sich hier willkommen und sicher aufgehoben fühlen. Und ich genieße es, wenn ich auf Reisen Menschen treffe, die bei der Erwähnung des Namens „meiner“ Stadt in pure Verzückung geraten.

Aber es beunruhigt mich auf der anderen Seite sehr mit ansehen zu müssen, wie sich der Stillstand in München breit macht. Wie die Stadt in ihrer eigenen Selbstzufriedenheit zu ersticken droht. Wie der Mut zur Zukunft auf der Strecke bleibt. Ob in der Gesellschaft, der Architektur – oder bei wichtigen Infrastrukturprojekten. Wo sind die Leuchttürme, die eine Stadt wie München auszeichnen? Das Votum gegen die Dritte Startbahn am Flughafen im Erdinger Moos ist nur ein weiteres Indiz für dieses Gefühl der Sattheit, die für unsere Stadt in meinen Augen allmählich aber sicher zu einer ernsthaften Bedrohung wird. Und die jeder Kreativität den Raum zum Atmen nimmt. München entwickelt sich zusehend zu einem „geschlossenen Benutzerkreis“. Einer Stadt, die sich selbst genug ist. Und sie läuft Gefahr, sich selbst in eine Sackgasse zu manövrieren: hier wird der Lebensraum für alle knapp, die mutig mit Visionen unterwegs sind, die Aufbruchstimmung verspüren und ihre Kreativität bei uns ausleben wollen – und dabei nicht finanziert werden.

Schon mal darauf geachtet: der Begriff „heimliche Hauptstadt“, mit dem München über Jahrzehnte kokettiert hat, ist aus dem Sprachschatz gestrichen. Von 1962 bis 2005 warb München für sich als „Weltstadt mit Herz“. Was geht ab seit 2005??? Nein – ich bin kein „Nestbeschmutzer“. Aber Fakt ist: Die „jungen Wilden“ sitzen nicht allein aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten schon lange nicht mehr in Schwabing, Maxvorstadt, Haidhausen oder Neuhausen. Start-Ups agieren von Berlin aus. Oder werden von Städten wie Hamburg erfolgreich geködert. Und ganz konkret spüren wir schon heute das Defizit: wo finden wir für unsere Agentur die Kolleginnen und Kollegen von Morgen?

Lebensqualität? Ja – unbedingt. Note 1. Gemütlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit – alles prima hier in München. Wer hier ist, der genießt das Leben. Aber in  Sachen Aufbruchstimmung liegen wir gefühlt zweifellos eher am unteren Ende der Skala. Hier verliert unsere Stadt zusehend den Anschluss. Die Herausforderung, der sich nicht nur die Politiker dieser Stadt zu stellen haben: wie können wir auch morgen jüngere Menschen mit Visionen für München gewinnen?  Und wie mobilisieren wir das so reichlich vorhandene Potenzial an Menschen, die sich für unsere Stadt engagieren?

Ich erinnere mich noch gut daran, wie der ehemalige OB Kronawitter das Bürgerbegehren „Unser München“ vorangetrieben hat. Zur Erinnerung: In 2004 wurde entschieden, dass in München keine Hochhäuser gebaut werden dürfen, die die Türme der Frauenkirche (99 Meter hoch) überragen. Das hat – so meine ich – heute mehr Symbolcharakter denn je. Jetzt die Startbahn. Dazwischen viele Jahre, in denen leider auch nicht schrecklich viel passiert ist. Wo ist sie geblieben – die Lust, einfach besser zu sein als andere Städte? Keine Frage: die Elbphilharmonie wird in den kommenden Jahren noch als GAU unter der Bauskandalen der Hansestadt eingehen. Und ich beneide die Hansestadt nicht um diese nicht enden wollenden Pannen. Aber langfristig wird das Gebäude und das neue Hafenviertel als mutige Entscheidung einen Platz in der Geschichte der Stadt geführt. Wo – frage ich mich – finden sich diese mutigen Meilensteine der jüngeren Zeit bei uns? In unserer Stadt, die so wirkt wie ein wohl sortierter überdimensionaler Benetton Store…

Sicher: Noch wird München durchaus etliche Jahre von dem Speckgürtel profitieren, den sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten hart erarbeitet hat. Und der dafür sorgt, dass der Strom der Menschen nicht nachlässt, die nach München ziehen. Doch ich bin überzeugt: der Strom wird dann versiegen, wenn München für junge Menschen nicht mehr sexy ist und sich die Stadt nicht aus der Selbstzufriedenheit löst… Small ist nämlich nicht um jeden Preis beautiful. Daher: ACHTUNG vor zu viel Selbstzufriedenheit. Ich meine: Mehr Mut zur Zukunft ist gefragt. Denn mit mehr Weitsicht können Menschen mobilisiert werden. Und wäre eine für die Stadt langfristig wichtige Weichenstellung wie die Dritte Startbahn nicht in die Hose gegangen….

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2 Gedanken zu „München und seine ganz eigene Dynamik: Small – gemütlich – beautiful und ohne „Leuchtturm“ – reicht das für die Zukunft?

  1. Das Thema „Aufbruchstimmung“ kann man aber wohl kaum an der Startbahn festmachen. In Berlin wurde ja auch gerade ein Flughafenprojekt in Sand gesetzt – weil die beteiligten Konzerne gelogen und bestochen haben, die verantwortlichen Politiker ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sind und weggeschaut haben. Der Stimmung in der Kreativeb-Szene hat das keinen Abbruch getan, aber dass die Leute gegenüber schwer durchschaubaren Großprojekten und den damit verbundenen Versprechungen skeptisch gegenüberstehen, ist doch nachvollziehbar…

  2. Nun, gut gebrüllt Löwe. Bis auf Hamburg und Berlin fallen mir nicht viele Städte in Deutschland ein, die wir mit dem Wort „sexy“ in Verbindung bringen könnten. Diese konservative Haltung bremst viel aus und birgt die Gefahr einer Depression. Was für den einzelnen Menschen gilt – für eine gute Depression brauchst Du zwei Dinge: 1.) Keine Vernetzung mit Freunden und 2.) Keine Perspektive. – gilt wohl auch für Gesellschaften.
    Ob allerdings in Hamburg die Leuchtturmprojekte der Grund für die Perspektive sind mag dahin gestellt sein. Aber die Stimmung dort ist – wie sagen es die Jüngeren – geil. Ja, gerade auch der Mut „Unhamburgisches“ (Wortschöpfung von Helmut Schmidt) zuzulassen ist wohl wichtig. Mit neuen Ideen auch mal auf`s Maul fallen dürfen, ist für Perspektiven nötig. Wenn wir neuen Generationen vormachen Angst vor Dingen zu haben deren Ausgang wir noch nicht bis in die Rente planen können, werden sie nicht voran gehen. Wer gehen will muß bei jedem Schritt in kauf nehmen das Gleichgewicht aufzgeben. Doch es gibt gute Beispiele auf dieser Art von Wegen. NRW hat nicht krampfhaft an der Motanindustriezeit und Kernenergie geklammert. Heute sind erneuerbare Energien, Wissenschaft, Kultur, und -man staune- Tourismus, Eckfeiler der Wirschaft. Ein riesen Wandel. Gut der war alternativlos. Aber der wird NRW auf die Dauer „sexy“ machen. Einer meiner Söhne zieht gerade, – der Bildung wegen – nach Bayern. Das Dorf Patenkirchen in der Nähe von Garmisch, hat seinen Reiz wohl durch das Konservative. Ich bin gespannt, wir ihm DIE Metropole München gefällt. Sicher ist : Wer sich bewegt verliert das Gleichgewicht und entwickelt Perspektive.

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