Ganz schön unsportlich…

Die aktuelle Berichterstattung über die anstehenden olympischen Spiele in London ist zumindest hierzulande alles andere als durchgehend positiv. Raffgierige Hoteliers, tausende Resttickets, enteignete Stadtbewohner und verwaiste Stadien nach den Spielen: Dienen derartige Großevents in erster Linie der Selbstbeweihräucherung einzelner Funktionäre?

Nach dem Eurovision Song Contest in Aserbaidschan und der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gerät mit London bereits der dritte Austragungsort eines Großevents ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Die kleinste Rolle spielen dabei noch gestiegene Flugpreise, denn auf dem Luftweg nach London herrscht auch in den nächsten Wochen kein Engpass – ganz anders, als dies zum Beispiel im Falle von Baku oder dem ukrainischen Charkow der Fall war.

Quelle: Christian van Alphen

Quelle: Christian van Alphen

Echt gesalzen sind jedoch auch in London wieder die Tarife der Hotels. Spiegel Online nimmt kein Blatt vor den Mund und bezeichnet die Haltung der Hoteliers als raffgierig. Während die Besucher von Baku oder Kiew den Anbietern selbst noch Wucherpreise bis zu 700 Euro pro Nacht aus den Händen rissen, scheinen die Hoteliers in der britischen Hauptstadt die Rechnung ohne den Olympia-Gast gemacht zu haben. Die erwarteten Anstürme bleiben aus und die Preise sausen annähernd täglich nach unten. Verglichen mit den Vorjahren verzeichnet die Metropole derzeit sogar weniger Buchungen als gewohnt.

Generell habe ich den Eindruck, dass sich bei Besuchern und Einheimischen keine richtige Olympia-Euphorie einstellen möchte. Kein Wunder: Denn das Sport-Areal entstand nur unter großem Protest der Londoner East End-Bewohner und der ansässigen Firmen. Während in Deutschland salopp gesprochen einige Tausend Demonstranten ganze Flughafen-Projekte verzögern oder gar verhindern können, hat London sich störender Anwohner und Unternehmen deutlich einfacher entledigt. Die Entschädigung fällt in England bei solchen Umsiedlungen auch wesentlich geringer aus als man das in Deutschland kennt. Das berichtete kürzlich zum Beispiel die Welt am Sonntag.

Überhaupt stehen Stadion und Velodrom stimmungsmäßig auf wackligen Beinen – zu vage die Pläne, was mit dem Areal und den Hallen nach den Spielen geschehen soll. Rund 40 Jahre nach Olympia 1972 ist das Areal in München immer noch ein kultureller Anziehungspunkt für Bewohner und Touristen. Im Falle von London scheint eine ähnliche Entwicklung aber mehr als unwahrscheinlich. Das Stadion könnte also einige ruhmreiche Wochen erleben und dann praktisch verwaist in der Versenkung landen – zum Leidwesen britischer Steuerzahler und enteigneter Bewohner und Firmen. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Da stellt sich zwangsweise die Frage, ob noch ein Fünkchen olympischer Gedanke übrig geblieben ist. Dienen Großevents nicht schon lange nur noch einzelnen Funktionären, die es sich auf die Fahnen schreiben wollen, solch ein Prestige-Ereignis ins Land geholt zu haben? Nebst ihnen profitieren eigentlich nur die Sponsoren, die hier eine globale Werbeplattform genießen wie sonst bei keinem anderen Anlass.

In Baku konnte man sämtliche Vorwürfe dem abgehobenen Geltungsbedürfnis eines eitlen Diktatoren in die Schuhe schieben. Und in der Ukraine hatten die meisten eh nicht damit gerechnet, dass hier alles nach Plan laufen könnte. Allenfalls Polen wusste die Europameisterschaft einigermaßen positiv für sein Image zu nutzen.

Olympia 2012 wurde die vergangenen Wochen von vielen Medien buchstäblich zerpflückt. Bleibt zu hoffen, dass sich während der Spiele eine Euphorie einstellt, die das eigentliche Thema doch noch ins Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung rückt: den olympischen Gedanken…

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