München… Alaaf!?

Der Tag danach: Aschermittwoch. Es war die schönste Feierstunde des Jahres. Aber hier ging niemand hin. Ein subjektiver Bericht von zwei Kölnern im Münchner Exil.

Es ist Weiberfastnacht, 11:00 Uhr morgens: In der Bahn. Nichts geschieht. Keine bunten Farben. Nur tristes Grau. Kein Kronkorken auf dem Boden. Die einzige Schminke im Gesicht ist die übliche Office-Maskerade. 11:05 Uhr: Noch immer nichts. Ein älterer Herr steigt ein und klopf sich etwas Schnee von den frisch polierten Schuhen. 11:08 Uhr, Halt am Sendlinger Tor: Stille beim Einsteigen der drängenden Massen. Freude liegt wenig in der Luft. Eine Frau putzt erst sich und dann ihrem Hund die Nase. Jemand beschwert sich am Handy über das Wetter. 11:11 Uhr, es ist soweit: Was passiert? Nichts. Millionen Menschen im Rheinland erleben gerade einen der schönsten Freudenmomente des Jahres. Und hier? NICHTS!!

Einsame Luftschlange am Karlsplatz in München

Einsame Luftschlange am Karlsplatz in München

Es sind Momente wie diese, in denen wir zwei beruflich bedingten Exil-Kölner eine kleine Träne unterdrücken müssen. Momente, in denen die Sehnsucht nach den Domspitzen besonders tief zusticht. Und wir sind nicht die Einzigen: Laut Medienberichten sollen inzwischen über 40.000 Rheinländer in den Münchner Großraum ausgewandert sein. Niemand wird bestreiten, dass die bayerische Hauptstadt zweifelsohne den Inbegriff geordneter Lebensqualität darstellt. Das Stadtbild ist gepflegt, der Nahverkehr läuft, das Unterhaltungsangebot ist enorm, die Menschen sind herzlich und das Essen schmeckt gut. Klassische Vorurteile scheitern an der gesunden Mischung aus dörflicher Idylle und kosmopolitischem Charme. Bis auf die sündhaft teuren Mietpreise hat München ein „zünftiges“ Lob verdient!

Doch ohne fünfte Jahreszeit fehlt manchem Hinzugezogenen der Stimmungsantrieb für den Winter. Wie können die Münchner nur ohne einen Elferrat auskommen? Zwar hat die Bedeutung des Karnevals in seiner gesellschaftskritischen Funktion im Laufe der Jahrzehnte stark gelitten, dem Zweck des wahren Volksfestes quer durch alle Gesellschaftsschichten kommt es jedoch näher denn je. Karneval ist ein Treffpunkt für Alt und Jung, für Bunt und Grau, für Durst und Party.

Naheliegend scheint hier ein Plädoyer für mehr Karneval auch an der Isar. Wenn nötig auch unter dem Decknamen „Fasching“! Doch ein Besuch des Straßenkarnevals in der City wirft erste Zweifel auf: Zwischen Stachus und Marienplatz offenbarten die vergangenen Tage eine traurige Enttäuschung: Nichts Halbes, nichts Ganzes. Kirmeswagen wechseln sich mit Glühwein-Schenken und statt den Höhnern schallt ein Rotes Pferd dem mäßig verkleideten Publikum entgegen. Schlager beim Karneval? Das passt nicht. Es wirkt alles ein wenig wie ein unbeholfener Fake – nämlich fehlerhaft gestellt und wenig glaubhaft. Zum Feiern ist einem beim Anblick der müden Clownsmasken an den Laternen nicht zumute. Einige Zugvögel aus Düsseldorf ziehen kopfschüttelnd weiter.

Doch genau hier liegt des Apfels Kern: Authentizität lässt sich kaum vortäuschen. Wer Ende (!) Oktober durch die Städte Westfalens zieht, wird sich wundern, wie viele Tischdecken blau-weiß kariert die Lokale zieren. Gastronomie und Eventbranche verkleiden sich in der Hoffnung auf Einnahmen durch „Oktoberfeste“ an fast jeder Ecke des Ruhrgebiets. Gelegentlich kommen echte Bayern vorbei und trinken zum Spaß eine 0,4-Liter-Maß mit. Denn eine blau-weiße Tischdecke macht noch kein Oktoberfest und eine rote Nase noch keinen Karneval. Die Wiesn im Sauerland wirken ebenso glaubwürdig wie ein Halver Hahn in Pasing.

Wer authentisch sein möchte, darf es nicht vorspielen. Ob in der PR oder beim Volksfest – Glaubhaftigkeit lässt sich nicht nachstellen. Daher möchten wir unser Plädoyer anpassen: Es kann und muss nicht überall Karneval sein. Aber auch norddeutsche Rasenflächen eignen sich nur schwer für die Wiesn. Jede Stadt und jede Region sollte das machen und veranstalten, was sie wirklich lebt. Oder wie man am Rhein sagen würde: Mer losse d´r Dom en Kölle, denn do jehöt hä hin. Wat soll dä dann woanders, dat hät doch keine Senn!

Den nächsten Rosenmontag verbringen wir im „Norden“ bei Köln. Aber für das Oktoberfest, da bleiben wir diesmal in Bayern! O’zapft is!

Charlotte Emmerich & Mario Arnold

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6 Gedanken zu „München… Alaaf!?

  1. Und was ist mit Starkbieranstich? Damit Ihr nichts verpasst, am 27.02.2013 wird bei uns die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Unbedingt mal probieren, das Starkbier!

  2. Also ganz 100% gebe ich euch lieben Köllner Kollegen da nicht Recht ;-). Nicht nur das Rheinland weiß wie man Karneval feiert. Als Gebürtige Ulmerin kann auch ich vom FASCHINGstreiben (ja wir nennen es eben so ;-)) der unzähligen Narrenzünfte berichten. Und um meine Aussage hier auch belegen zu können ein Wikipedia Zitat: „In Deutschland sind „Hochburgen“ das Rheinland und die schwäbisch-alemannische Fastnacht“. Ha, des isch a Sach 😉

  3. Gut, dass der Irrsinn aus Köln nur sehr zögerlich hier Einzug hält. Die lieben Kölner sollen nicht jammern, sondern Urlaub nehmen, in Köln & Co. feiern, wo es doch so toll ist, und sich nicht beschweren, dass es hier anders ist – denn das ist gut so!

  4. Zum Karneval muss man geboren sein. Wir Münchner sind es nicht und das ist gut so! Ich als Münchner Kindl und überzeugter Faschingsmuffel überlege mir allerdings seit bestimmt 20 Jahren mal zum Karneval nach Köln zu fahren – als bayerisch grantelnder Tourist versteht sich. Vielleicht komme ich dann geläutert zurück … wer weiß …

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