Flugticket nach Bauchumfang – Fairness oder Abzocke?

Wer im Supermarkt für einen Salat einkaufen geht, bezahlt seine Tomaten nach Gewicht. Das ist gerecht und logisch: Je mehr das Gemüse wiegt, desto teurer war neben der Herstellung auch der Transport. Niemand würde protestieren, schließlich bezahlt man nur für das, was man auch braucht. Dieses schlichte und nachvollziehbare Prinzip hat sich bewährt. Doch funktioniert es auch bei Fluggesellschaften? Sind wir Tomaten?

Eine kleine Airline namens Samoa Air startet nun den Versuch: Verpackt unter dem Slogan „Pay by weight“ ergibt sich der Preis für ein Flugticket ab sofortQuelle: Samoa Air aus dem Gewicht des Passagiers zusammen mit seinem Gepäck. So kostet beispielsweise ein Flug von Pago Pago nach Maota (beides nette Orte in der Südsee) für jemanden mit 95 Kilo Gesamtgewicht rund ein Drittel mehr als für jemanden, der inklusive seiner selbst mit 70 Kilo unterwegs ist.

Auch hier ist die Argumentation einleuchtend: Für die margenschwache Luftfahrtbranche ist der Treibstoffverbrauch der mit Abstand größte Kostentreiber. Nicht ohne Hintergrund ist die Zusatzgebühr für Übergepäck oder einen zweiten Koffer eine von den Kunden weitgehend akzeptierte Selbstverständlichkeit.

Aktuell nimmt der schwergewichtige 120-Kilo-Mann der sportlich-jungen Frau im Nachbarsitz nicht nur die Armlehne weg, sondern genießt auch die Quersubventionierung seiner Spritkosten für den Flug. Auch andere Reisende profitieren von der Neuregelung bei Samoa Air: Denn warum muss ein zehnjähriges Kind genau so viel zahlen wie ein Erwachsener, wenn es für die Fluggesellschaft doch deutlich günstiger kommt?

Bereits vor ein paar Jahren machte Ryanair Schlagzeilen mit einer „fat tax“ nach ähnlichem Prinzip: Hier sollten besonders übergewichtige Passagiere zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Wie so oft, entpuppte sich jedoch auch dieser Vorschlag des Low-Cost-Lehrmeisters als gelungene PR-Ente.

Der britische Rivale easyJet bekam das Gewicht seiner Kunden erst kürzlich zu spüren: Mitte Januar musste ein Flug von Liverpool nach Genf zunächst am Boden bleiben, denn der Jet litt unter Männerüberschuss und war damit einfach zu schwer zum Abheben. 135 Männer aber nur 19 Frauen waren an Bord – erst nachdem sich vier Passagiere gegen Entschädigung auf einen späteren Flug umbuchen ließen, konnte die Maschine starten. Hier hätte nicht mal eine Zusatzgebühr für Übergewichtige geholfen.

Während die Günstigflieger bereits seit Jahren intensiv und erfolgreich versuchen, das Gewicht an Bord zu reduzieren, ziehen die großen Carrier zunehmend nach. So berichtet zum Beispiel die Lufthansa in ihrem Bordmagazin vom März über intensive Bemühungen, das Gewicht ihrer Flieger zu reduzieren. Um Optionen für solch eine „Diät“ zu prüfen, wurde nun jedes nicht befestigte Einzelteil innerhalb der Kabine eines Jets exemplarisch gewogen. Müssen wirklich so viele Servietten mitgenommen werden oder würden auch weniger reichen? Laut Berechnungen des Kranichs bedeutet jedes einzelne Kilogramm Gewicht an Bord der Flotte im Jahr mehrere Dutzend Tonnen weniger Kerosinverbrauch. Weight matters.

Umso angenehmer wäre es für die Branche, wenn nicht nur die Flugzeuge und ihre Ausstattung sondern auch die Passagiere im eigenen Interesse ihren  Teil dazu beitragen könnten, die Treibstoffrechnung zu senken. Da diese Mithilfe kaum freiwillig geschieht, geht Samoa Air den konsequenten Schritt weiter.  Wer nach Gewicht bezahlen muss und beim Check-In noch einmal gewogen wird, überlegt sicher zwei Mal, ob er den Snack vorm Abflug nicht doch erst im Sicherheitsbereich isst. Handelt es sich hier etwa auch um einen versteckten Umsatztreiber für die durchweg überteuerten Flughafenpreise?

Germanwings spricht bei Gebühren für Zusatzleistungen wie einen zusätzlichen Koffer stolz von einem „Fliegen à la carte“. Samoa Air greift mit „Pay by weight“ diesen Ansatz auf und erklärt die Mitnahme überdurchschnittlichen Körpergewichts zum Extraservice, der auch bezahlt werden soll. Kann die Inselfluggesellschaft mit zwei kleinen Maschinen dennoch zum Vorbild für Europas Low-Coster werden? Die Volksgesundheit würde sich über die erzieherische Maßnahme freuen und die Frühjahrsdiät würde sich doppelt auszahlen: Mit der perfekten Bikinifigur für den Strand wäre auch der Flug dorthin ein günstiges Vergnügen!

Doch nicht jeder würde profitieren: Besonders große und daher von Natur aus schwerere Menschen müssten für den Urlaubsflug tiefer in die Tasche greifen. Auch im Job besteht die Gefahr einer Diskriminierung: Vielleicht würden bevorzugt die schlankeren Kollegen auf Dienstreise geschickt werden. Und was ist mit krankheitsbedingt Schwergewichtigen? Ist es noch fair, wenn auch sie zum Wohle der Vielen etwas teurer reisen müssten? Wäre das neue System am Ende eine Frage über die Solidarität in unserer Gesellschaft?

Zum Glück brauchen wir uns diesen Fragen vorläufig nur in der Theorie stellen, da bislang keine andere Airline ernsthaft über ein Kilo-Konzept für Menschen nachdenkt. Wir sind eben doch kein Gemüse. Zudem wäre die Umsetzung bereits organisatorisch schwierig und mit neuen Kosten verbunden: Wenn alle Gäste noch einmal auf die Waage müssen, wird es schwer, die Passagiere ohne mehr Personalaufwand in kurzer Zeit abzufertigen.

Aber die Frage bleibt spannend. Samoa Air hat den Anfang gemacht. Was denkt ihr?

Mario Arnold

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6 Gedanken zu „Flugticket nach Bauchumfang – Fairness oder Abzocke?

  1. das ist ja lustig, dann bleibe einfach weiterhin auf Diät – vielleicht wird das FT dann preiswerter – möchte doch nächstes Jahr in die Südsee!!!!

  2. super idee, vorallem für große menschen wie schon erwähnt wiegen die logischerweise etwas mehr. die meisten airlines ben ja bereits versteckt eine straf gebühr für große menschen eingeführt. früher war es dem bodenpersonal vorbehalten plätze an den notausgängen zu vergeben. seit einigen jahren kann man diese plätze nun auch buchen mit so klangvollen namen wie economy plus wird dort für diese sitze noch mal extra kohle gemacht. dies bedeute aber für menschen die etwas zugroß für einen normalen sitz sind für jeden flug eine „großenstrafgebühr“ zu bezahlen.

    • Wohl war! Nur aufgrund seiner Größe “bestraft” zu werden, ist eindeutig unfair – schließlich lässt sich dieser Punkt nicht beeinflussen. Andererseits kostet jedes Kilo mehr Kerosin und Airlines haben als (meist) privatwirtschaftlich geführte Unternehmen daher keine Verpflichtung den aktuellen „Soli-Ausgleich“ unter den Passagieren beizubehalten. Oder etwa doch? Beginnt hier Corporate Social Responsibility? 😉

  3. Die Idee ist gut, aber die Durchführung muss besser geplant sein, d.h. Wenn jemand mehr bezahlt weil er mehr Gewicht hat und dem schlankeren den Platz wegnimmt, dann sollte er auch einen größeren Sitz bekommen. So würde die Airline mehr Geld bekommen, aber der mit mehr Gewicht hat nicht mehr Platz und die schlanke Person hat immernoch weniger Platz.

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