Die Hüterin des Thorau-Geheimnis

Einen Sommer auf der Alm als Sennerin: Leben ohne Strom oder Internet, Kühe treiben und melken. Hört sich an wie bei Heidi und dem Ziegenpeter. Unsere Praktikantin Lisa hat nach ihrem Abitur zwei Monate auf der Thorau-Alm bei Ruhpolding gelebt und gearbeitet. Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen schreibt sie hier im Wilde & Partner Blog.

Ein früher Morgen auf der Alm

Ein früher Morgen auf der Alm

06:00 Uhr: Ich hasse es früh aufzustehen! Zweimal drücke ich den Wecker auf Schlummern, um noch ein paar Minuten unter der warmen Decke zu genießen. Als ich mich schließlich etwas grantig aus dem Bett wälze, kriecht mir die Kälte unter meinen Ganzkörperpyjama. Das Erste und Allerwichtigste ist das Feuer. Als meine Glut endlich Feuer fängt, kann ich den Kaffee vom Vortag aufwärmen. Dann sperre ich die Türe auf. Das ist der Moment, für den sich das frühe Aufstehen jedes einzelne Mal lohnt! Mein Blick fällt auf die umliegenden Berggipfel, hinter denen bereits die ersten Sonnenstrahlen hervorblitzen. Die Luft ist kalt, aber erfrischend. Nur von weitem höre ich die Glocken der Kühe. Sonst nur Ruhe. Was an manchen Teilen des Tages langweilig und einsam sein kann, ist zu dieser Tageszeit einmalig und unbeschreiblich schön. Ich ziehe mich an und mache mich auf den Weg, um nach meiner Herde zu suchen. Als ich sie nach einem ziemlich schweißtreibenden Aufstieg (Kühe halten sich blöderweise selten an die Wegbeschilderungen) endlich finde, treibe ich sie Richtung Alm. Das klingt einfacher als es tatsächlich ist. Ich versuche Einzelgänger zum Rest der Truppe zu treiben, die ganze Truppe in Richtung Alm… Manchmal mühselig, aber nie langweilig komme ich schließlich mit meinen 10 „Weibern“ unten an. Als erstes wird gemolken, zu Beginn landet die Milch überall, sogar in meinem Gesicht. Nach einer Woche hab ich den Dreh aber raus und weiß, wo ich besser nicht hinfasse um unverletzt in den Tag zu starten. Danach gibt’s noch ein bisschen Kraftfutter und dann lass ich sie wieder ziehen, auf abgelegene Hügel und Berghänge, von denen ich sie am nächsten Morgen wieder treiben darf.Ich schmeiße den Generator an und mache mich auf zum Frühstück. Genüsslich trinke ich meinen Kaffee in der ersten Morgensonne.

Alltagsleben ohne Strom - sehr nachhaltig!

Alltagsleben ohne Strom – sehr nachhaltig!

Danach stelle ich mich unter meine doch sehr provisorische Dusche, die durch den Generator warmes Wasser spenden soll. Das funktioniert mal mehr, mal weniger. Bei Eiswasser die Haare zu waschen, lässt einen die gute alte Elektrik doch sehr schnell vermissen. Nach meiner Dusche mache ich dann alles fertig, damit so gegen 11 Uhr die ersten Gäste eintrudeln können.10 Uhr: Die ersten Wanderer biegen um die Ecke und machen es sich auf der Terrasse gemütlich. Ein erstes Bier und natürlich eine „gescheite“ Brotzeit mit Speck und Käse. Der Käse ist etwas Besonderes, denn er enthält das Thorau-Geheimnis.  Das Geheimnis, das von Sennerin zu Sennerin gegeben wird. Und man nur auf der Thorau-Alm zu schmecken bekommt.

Meine Kühe - Rosalinda, Andrea, Hildegard

Meine Kühe – Rosalinda, Andrea, Hildegard

12 Uhr: Die Bauern kommen hoch, um Vorräte zu bringen und mir über den größten Ansturm hinweg zu helfen. Unmassen Brotzeitplatten und Bier werden bestellt und es kann schon mal stressig zugehen.

 

 

 

 

Die Speisekarte

Die Speisekarte

17 Uhr: Der Großteil der Gäste ist weg, nur vereinzelt kommen noch Wanderer oder Radler vorbei. Es wird langsam ruhig in der Thorau. Ich nutze die Ruhe, um es mir mit einem Feierabend-Bier auf der Terrasse gemütlich zu machen und die letzen Sonnenstrahlen zu genießen. Endlich kann ich die Füße hochlegen und merke erst jetzt wie kaputt ich bin.

20 Uhr: Die Abende sind oft eine Überraschung. Manchmal lese ich bis die Sätze zu dunklen Streifen verschwimmen, dann helfen nur noch eine Menge Kerzen, falls die Gaslampe mal wieder kaputt ist, oder ein früher Gang ins Bett. Es kommt aber auch vor, dass auf einmal eine Gruppe Radler um die Ecke biegt und mir den vorzeitigen Feierabend durch unzählige Bestellungen ziemlich turbulent gestaltet.

Da müsst Ihr hinauf! Der Weg aufs Thorau-Kepfe

Da müsst Ihr hinauf! Der Weg aufs Thorau-Kepfe

So kann es verlaufen, aber es gibt auch den Fall, in dem es regnet oder gar schneit. Tage an denen der Nebel so tief hängt, dass ich nicht mal bis zum Eingangsgatter der Alm schauen kann. An solchen Tagen verirrt sich nur selten jemand auf den Berg, hier ist Kreativität gefragt. Ich hab alles ausprobiert, um den Tag rumzubringen:

...und recht einsam bei schlechtem Wetter

…und recht einsam bei schlechtem Wetter

Schmuck aus Bierdeckeln gebastelt, Bücher schreiben, meine Kochkünste am Kachelofen verbessert, gemalt, Yoga, die Länge der Alm mit Fußschritten ausgemessen, durch die ganze Alm geturnt auf der Suche nach dem Handynetz, meine Gesangskünste erprobt und natürlich gelesen, gelesen, gelesen und zwischendrin immer den sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster, ob nicht doch ein Wanderer den Weg entlang kommt. Nur selten hatte ich damit Glück, aber wenn dann doch einer kam, hätte ich ihn am liebsten an den Stuhl gefesselt. Stattdessen gab es dann schon mal eine größere Brotzeit oder ein Freibier. Interessante Gespräche und spannende Geschichten wurden erzählt. Die Menschen, die sich bei Regen auf den Berg wagen, lernen die Sennerinnen meistens am besten kennen, die Hüterinnen des Thorau- Geheimnis´s.

Rückblick: Als ich im Auto saß auf der Autobahn, Richtung München wurde mir klar, wie sehr ich das alles vermissen würde. Man lernt die kleinen Dinge wieder schätzen. Tag und Nacht auf einen Lichtschalter drücken zu können, eine Heizung anzumachen oder eine heiße Dusche zu nehmen. Das, was ich aber am meisten an meinem Leben auf der Alm mochte, waren die Leute, zu denen man so schnell Vertrauen fasst. Jeder Tag war anders und neu, wegen der Menschen, die ich getroffen habe. Ob es nun die älteren Herren vom Stammtisch waren, zwei junge Paare kurz vor der Hochzeit oder eine große Gruppe von Radlern, zu der mehr als zwei Generationen gehörten. Ob alt oder jung, man sitzt zusammen, hilft sich und lacht über dieselben Dinge. Deswegen bin ich im September wieder auf der Thorau-Alm, weil es wirklich Spaß macht, der Hektik der Stadt mal für ein paar Wochen zu  entfliehen. Infos zu Almstellen findet ihr hier: http://www.almwirtschaft.net/ueber_uns/Informationen_Almstellenbewerber-innen.pdf

Pfiats Eich und mia seng uns!

Pfiats Eich und mia seng uns!

 

 

 

 

 

 

 

Lisa Maier

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