Branche ohne Nachwuchs: Was tun, wenn sich junge Leute nicht für Ausbildungsberufe im Tourismus interessieren?

An der Rezeption die Gäste empfangen, ihnen mit einem köstlichen Dinner einen unvergesslichen Abend bereiten und die nächste Tagung mit 100 Teilnehmern vorbereiten – wer in der Hotellerie oder Gastronomie arbeitet, steht jeden Tag vor unterschiedlichen Aufgaben und kommt mit Menschen aus aller Welt in Kontakt. Jobs und Ausbildungsberufe wie Hotelfachfrau oder Restaurantfachmann bringen viel Abwechslung mit sich und bieten dem Nachwuchs ideale Voraussetzungen, um an Orten zu arbeiten, wo andere Urlaub machen.Trotzdem steht die Branche vor der Herausforderung Nachwuchskräfte zu finden. Der Hotellerie und Gastronomie geht es da nicht anders wie beispielsweise den Touristikkaufleuten. Auch hier bleiben jährlich zahlreiche Lehrstellen unbesetzt. Erstaunlich, weil die Branche kontinuierlich wächst. Nach den aktuellen Zahlen der Welttourismusorganisation UNWTO wächst der internationale Tourismus stetig; in Deutschlands Hotellerie sind 2012 laut Angaben des Statistischen Bundesamtes über 68,8 Millionen ausländische Übernachtungen in Beherbergungs-betrieben mit zehn und mehr Betten gezählt worden, ein Plus von 8,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Prognosen für 2013 sind überaus positiv. Der deutsche Incoming-Tourismus liegt weiterhin über Welt- und Europaniveau. Die Kaufkraft in Deutschland ist ebenfalls auf vergleichsweise hohem Niveau und das Konsumklima ist positiv. Die Branchenverbände überschlagen sich mit Imagekampagnen und Initiativen zur Nachwuchsgewinnung. Beste Zukunftsaussichten für den Nachwuchs in dieser Branche, sollte man meinen. Warum also bleiben tausende von Ausbildungsplätzen unbesetzt?

Fünf Fragen zur Nachwuchssituation an Kathrin Wickenhäuser, Hotelchefin in München

KathrinWickenhäuser_HotelCristalNeue Wege geht Kathrin Wickenhäuser, die in München das Hotel Cristal und Hotel Dolomit sowie das 1912 Restaurant & Bar führt. Die heute 33-Jährige hat ihre Leidenschaft für die Hotellerie schon früh entdeckt, als sie in den Ferien im Hotel ihres Vaters gejobbt hat. Nach dem Studium und dem Einstieg in das Familienunternehmen führt sie heute die Geschicke der Wickenhäuser & Egger AG zusammen mit ihrem Lebenspartner Alexander Egger. Mit innovativen Angeboten wie einer Teilzeit-Ausbildung für junge Mütter und der Förderung von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund unterstützt sie junge Nachwuchskräfte in ihrer Entwicklung.

Die Hotellerie steuert derzeit auf einen extremen Fachkräftemangel zu. Aber diese Branche steht nicht allein. Die gesamte Tourismusbranche, aber auch viele andere Branchen wie das Handwerk klagen über zu wenig qualifizierten Zuspruch für die Ausbildungsstellen. 2012 blieben 33.000 Lehrstellen unbesetzt, auch in der bayerischen Hotellerie und Gastronomie fehlen vielerorts Nachwuchskräfte. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Hotellerie und Gastronomie haben ein Imageproblem. Viele junge Menschen sehen nur Schichtarbeit und lange Arbeitszeiten. Zugegeben: Diese Dinge sind durchaus Teil des Jobs, aber sie sind längst nicht alles. Ich bin in unserem Familienbetrieb aufgewachsen, habe in Laufe meiner Karriere auch andere Häuser gesehen und weiß: Die Hotellerie besteht aus so viel mehr. Was wir als Hoteliers und Ausbilder jungen Menschen viel stärker vermitteln müssen, ist der Spaß am Gastgeber sein. Menschen, die Freude daran haben, anderen etwas Gutes zu tun und den Kontakt zu Menschen aus aller Welt lieben, sind in der Hotellerie gut aufgehoben. Auch bei unseren Auszubildenden stellen wir fest, dass die Liebe zum Gastgeben, serviceorientiertes Denken und das Engagement für die Gäste wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Laufbahn in Hotellerie und Gastronomie sind. Die Hotellerie umfasst aber noch weitere spannende Bereiche, die viele junge Leute klassischerweise gar nicht mit dieser Branche verbinden. Dazu zählen das Revenue & Yield Management, die Initiierung und Umsetzung von Social Media Aktivitäten oder die Betreuung des Online Marketings. Das breite Aufgabenfeld der Hotellerie bietet somit auch vielseitige Möglichkeiten für Bewerber mit höheren Schulabschlüssen. Nachwuchskräfte profitieren außerdem von hervorragenden Aufstiegschancen und Karrieremöglichkeiten im Ausland.

Sie sind gerade von dem Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA zur „Ausbildungsbotschafterin  der bayerischen Hotellerie und Gastronomie“ gekürt worden. Welche Aufgaben warten auf Sie in diesem Amt?

In meiner Funktion als Ausbildungsbotschafterin setze ich mich für eine respektvolle, integrierte Ausbildung und die Nachwuchswerbung ein. Ich bin oft vor Ort in Schulen und bei Informations-Veranstaltungen, um Schulabgängern die Faszination und den hohen Wert von Berufen in Hotellerie und Gastronomie näher zu bringen. Ich möchte zeigen, wie vielseitig gastronomische Berufe sind, welche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und vor allem Karriere-Chancen bestehen.

In anderen Branchen engagieren sich die Verbände sehr stark in Sachen Ausbildung und Imagepflege in jungen Zielgruppen. Landesweite Imagekampagnen wie beispielsweise die aktuelle Kampagne für das Handwerk rücken diese Berufe stark in den Fokus junger Leute. Inwieweit kann ein Verband gegen den Mangel an Nachwuchskräften vorgehen? Und wo sind die Unternehmen selbst gefragt?

Ein Verband wie die DEHOGA trägt sehr viel zur Imageverbesserung der Ausbildungsberufe bei. Als übergeordnetes Organ sind sie das Sprachrohr der Branche und in diesem Sinne auch unverzichtbar in der Nachwuchsförderung. Unternehmen können aber auch selbst eine Menge tun, um die Attraktivität der Berufe bei jungen Menschen zu fördern. In der Vergangenheit haben einige „schwarze Schafe“ dem Ruf der Branche sehr geschadet. Doch wer heute noch in der Küche mit Pfannen nach Azubis wirft, wird die guten Leute auf dem Markt nicht an sich binden können. Stattdessen geht es heute vielmehr darum, den Nachwuchs individuell nach seinen Stärken zu fördern und einen konsequenten, aber respektvollen Umgang miteinander zu pflegen.

Was tun Sie in Ihrem Betrieb konkret, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Wir präsentieren uns auf Jobmessen, schalten Anzeigen in Branchenblättern und versuchen auch über unser Netzwerk, geeignete Kandidaten kennenzulernen. Bei der Auswahl der Bewerber schauen wir weniger auf schulische Bestleistungen oder Herkunft, sondern legen mehr Wert auf Engagement, Teamfähigkeit und Gastgeberqualitäten. Der „Diener“ hat in Hotellerie und Gastro heute ausgedient. Wir möchten unseren Gästen vielmehr ein herzlicher Gastgeber sein, damit sie sich wohl fühlen und deshalb gerne wiederkommen. Da die Arbeit im Hotel – vor allem bei uns im Herzen Münchens – sehr international ist, geben wir auch Menschen mit Migrationshintergrund gerne eine Chance. So hat zum Beispiel unser Mitarbeiter Michael Abbey eine Ausbildung erfolgreich bei uns absolviert, nachdem er als ehemaliger Kindersoldat aus Westafrika zu uns kam. Für Azubis, die Schwierigkeiten in der Berufsschule haben, bieten wir Nachhilfeangebote an oder sprechen auch mal mit dem Lehrer selbst. Um auch jungen Müttern die Chance auf eine Ausbildung zu geben, bieten wir Teilzeitausbildungen an. So können sie auch mit einem kleinen Kind den Grundstein für eine erfolgreiche Laufbahn legen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was würden Sie sich für Ihre Branche wünschen?

Ich wünsche mir, dass der Stellenwert und das Ansehen von Ausbildungsberufen insgesamt wieder steigen, denn auch ohne Studium kann man in unserer Branche Karriere machen. Besonders in schwierigen Situationen wünsche ich mir oft mehr Durchhaltevermögen und „Biss“ bei jungen Menschen. Ich sehe häufig, wie junge Menschen an Herausforderungen wachsen, wenn sie ihnen nicht einfach aus dem Weg gehen. Und ich wünsche mir, dass mehr junge Menschen erkennen, wie viel Spaß und Freude der Umgang mit Gästen aus aller Welt und die Vielseitigkeit unserer Berufe machen und sich deshalb für die Hotellerie und Gastronomie entscheiden.

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