Nach vorne blicken, und nicht zurück: Wilde & Partner Aktionstag für das Münchner Kindl-Heim

Schüchterne, verstohlene Blicke begegnen meiner Kollegin Olena und mir, als wir in den frühen Morgenstunden vor dem Münchner Kindl-Heim eintreffen. 13 Jugendliche, die alle als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, sollen mit uns einen ganz besonderen Tag erleben: den Einblick in die Berufswelt, in Theorie und Praxis. Was aber hat eine PR-Agentur mit minderjährigen Flüchtlingen zu tun? Eine berechtigte Frage. Sie ist schnell beantwortet: Wilde & Partner ist nicht nur sozial interessiert, sondern auch engagiert. Wir wollen uns einsetzen, etwas in Bewegung bringen. Durch eine Kooperation lernten wir im Vorjahr das Münchner Kindl-Heim kennen und merkten, dass wir uns in diese Einrichtung der Landeshauptstadt München einbringen können.

Denn die Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die im Kindl-Heim aufgenommen werden, steigt drastisch. Sie kommen aus krisen- und kriegsgebeutelten Ländern wie Afghanistan, Somalia, Eritrea, dem Iran oder Syrien. Schnell wurde uns auch klar, dass wir zwei unserer Stärken in den Dienst des Münchner Kindl-Heims stellen wollen: Kontakte und Organisationstalent. Relativ zügig wurde daher der Plan, den jugendlichen Bewohnern durch den Besuch bei Münchner Betrieben einen Einblick in handwerkliches Arbeiten und in Produktionsabläufe zu ermöglichen, in die Tat umgesetzt. Denn die jungen Flüchtlinge sind in Deutschland nur geduldet. Ihr Bleiberecht hängt stark davon ab, wie erfolgreich sie sich integrieren. Elementar hierfür ist, die deutsche Sprache zu lernen, aber auch den Einstieg in das Berufsleben zu bewältigen – und das vor dem Hintergrund, dass nahezu alle jugendlichen Flüchtlinge von den Erlebnissen ihrer Flucht schwer traumatisiert sind.

Fünf Münchner Betriebe und Unternehmen öffneten für uns bereitwillig ihre Pforten und standen engagiert Rede und Antwort: die Schreiner-Innung München, der Dynamo Fahrradservice, das Hotel Cristal, die Bäckerei Neulinger und Pflanzen Kölle. Viele Eindrücke begleiteten diesen Tag. So fällt es den jungen Flüchtlingen offenbar nicht leicht, die dreijährige Ausbildungszeit in Deutschland zu akzeptieren. Vielleicht, weil für sie die Zeit drängt: Um dauerhaft in Deutschland bleiben zu können, sind sehr gute Sprachkenntnisse und ein fester Arbeitsplatz wesentliche Faktoren. Auch ein Gehalt zwischen 300 und 500 Euro monatlich im ersten Ausbildungsjahr sorgte für Unruhe in unserer Gruppe. Denn sicher plant der Großteil, auch die zurückgebliebenen Familien zu Hause zu unterstützen.

Beeindruckend war, wie es die fünf besuchten Betriebe verstanden, die jungen Flüchtlinge zu motivieren: Bei der Schreinerinnung (Foto links) lernten sie ausländische Auszubildende kennen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. In der Fahrradwerkstatt berichtete ein bereits älterer Auszubildender von seiner erfolgreichen Umschulung und den vielen Hilfsmaßnahmen, die ihm den Abschluss ermöglichten.

Foto 14 Hotel CristalBäckermeister Ludwig Neulinger zeigte sich beim Thema Nachwuchs offen für alle, die den Beruf des Bäckers erlernen wollen. Bei Pflanzen Kölle wurden Pläne für einwöchige Praktikumsstellen konkretisiert. Und Hoteldirektor Alexander Knoll (Foto rechts) begeisterte nicht nur mit motivierenden Worten, sondern überreichte den Jugendlichen detaillierte Informationen zu den Ausbildungsstellen, die das Hotel Cristal mit seinem Schwester-Hotel Dolomit in 2015 anbietet. „Mit einer Ausbildung in Deutschland zum Hotelfachmann steht Euch die ganze Welt offen“, warb er für seinen Berufsstand.

Die Fülle an Hilfsmöglichkeiten für die jungen Flüchtlinge erstaunte meine Kollegin Olena, die vor 16 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland einwanderte und an unserem Aktionstag viele Parallelen mit den Bewohnern des Kindl-Heims entdeckte. Außer Frage steht, dass Unternehmen ihre Tore für junge Immigranten weit öffnen sollten. Das Münchner Kindl-Heim benötigt wie sämtliche Einrichtungen dieser Art tatkräftige Unterstützung bei der Vermittlung von Praktikums- und Ausbildungsstellen. Den Betreuern ist es rein zeitlich schon gar nicht möglich, in diesem Bereich aufwändig zu recherchieren und Kontakte zu knüpfen. Die Sprachkenntnisse der jungen Flüchtlinge, die von arabisch bis zu chinesisch reichen, bieten vor allem für international tätige Firmen viel Potenzial. Aber auch ehrenamtliche Helfer für Nachhilfestunden in Fächern wie Deutsch und Mathe werden vom Kindl-Heim händeringend gesucht.

Foto 19 Pflanzen KölleWas mich an unserem Aktionstag am meisten beeindruckt hat: Welchen Halt sich die Jugendlichen untereinander geben. Berührungen und Umarmungen waren ständige Begleiter unserer intensiven Bus-Tour zu den fünf Münchner Betrieben. Und dann gab es noch Farzad, einen 18-jährigen Afghanen, der sich uns gegenüber am aufgeschlossensten zeigte und von seiner abenteuerlichen Flucht berichtete, die von Tod und Leid begleitet war. Schreckliches habe er erlebt, meinte er. „Und dennoch bist du so positiv und kannst so herzlich lachen?“, wunderte ich mich. Die Antwort kam mit entschlossenem Blick: „Ich blicke nach vorne, und nicht zurück.“

Weiterführende Links zum Thema:

Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. (UMF)

Schulanaloger Unterricht für junge Flüchtlinge

Berichte der Süddeutschen Zeitung: http://www.sueddeutsche.de/panorama/unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge-das-moechte-sich-niemand-vorstellen-1.2066163

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/minderjaehrige-fluechtlinge-in-muenchen-endlich-angekommen-1.2115119

3 Gedanken zu „Nach vorne blicken, und nicht zurück: Wilde & Partner Aktionstag für das Münchner Kindl-Heim

  1. Das finde ich großartig an unserer Agentur: dass wir neben dem Tagesgeschäft und dem geld-verdienen auch soziale und menschliche Aspekte in der Vordergrund stellen.

  2. wenn ich mal laut denken darf: so etwas wird meines Erachtens nur ein Dauerlösung, wenn sich für alle Beteiligten das als ein „Erfolgsmodell“ etabliert, sprich: die Unternehmen motivierte „Lehrlinge“ bekommen, von denen sie langfristig etwas haben und sich bei den Flüchtlingen rumspricht, dass so etwas für sie ein Perspektive bietet. Wäre es da nicht sinnvoll, wenn man statt einem Ansatz „Alle Flüchtliche gehen in alle Betriebe“ einen Ansatz fährt: „bestimmte Flüchtlinge mit bestimmten Voraussetzungen werden bestimmten Betrieben mit bestimmten Voraussetzungen zugeführt“? Wobei ich nicht der Fachmann bin, das „bestimmte“ definieren zu können.

  3. Ein Indianerjunge spricht zu seinem Großvater: “ Großvater in mir kämpfen zwei Löwen, ein guter und ein böser. Wer von ihnen wird gewinnen?“ Darauf der Großvater: “ Den, den du am meisten fütterst.“
    In diesem Sinne sage ich – gut gefüttert von vielen Beteiligten.

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