Wenn beim Check-in nach dem Gewicht gefragt wird

Eigentlich war die Reise als Städtetrip nur nach Chicago gedacht, doch unser Kollege Mario Arnold entdeckte eine familiengeführte Airline, die Privatjetfeeling für jedermann bezahlbar macht, und wurde neugierig. Hier sein Testbericht über einen „Ausflug“ mit Air Choice One.

Amerikaner sind es gewöhnt, auch längere Distanzen mit dem Auto zurückzulegen. Umso verwunderter war ich, als ich online aus Zufall Air Choice One entdeckte: Eine Mini-Airline, die mit Propellerflugzeugen auch innerhalb eines Bundesstaats entlegene Orte miteinander verbindet. Das Geschäftsmodell lautet Subvention, denn mit dem US-Regierungsprogramm „Essential Air Service“ unterstützt der Staat über 160 abgelegene Kleinstflughäfen im ganzen Land, um sie an die Wirtschaftszentren anzubinden.

Eine dieser Routen führt von Chicago im Norden von Illinois nach Decatur in der Mitte, was etwa der Distanz von München nach Würzburg entspricht. Auch drei Tage vor Abreise war das Return-Ticket für günstige 80 Euro zu bekommen. Als Luftfahrtfan musste ich dieses Schmankerl natürlich sofort ausprobieren. Hier einige Eindrücke von meiner Reise:

Credit Mario Arnold

Donnerstag, 21. August 2014: Beginn meiner Reise am Chicago O’Hare International Airport – mit fast 70 Millionen Passagieren jährlich einer der größten Flughäfen der Welt. Von hier fliegen die ganz großen Jets ab. Langstreckenflugzeuge stehen an den acht Runways Schlange. Wo ist denn jetzt die kleine Propellermaschine, für die ich ein Ticket gebucht habe?

Credit Mario Arnold

Die Suche nach dem Namensvetter der US-Präsidentenmaschine war erfolgreich, denn ein erstes Schild am Terminal 3 bestätigt – es gibt Air Choice One wirklich!

Credit Mario Arnold

Trotz mehrerer Abflüge pro Tag ist der Check-in-Schalter denkbar klein. Man muss eine Klingel drücken, um jemanden vom Personal auf sich aufmerksam zu machen.

Credit Mario Arnold

Der Check-in ist sehr freundlich. Etwas überraschend dann jedoch die Frage nach meinem aktuellen Körpergewicht. Diese Angabe sei von erheblicher Bedeutung für die Berechnung der Kerosinmenge und wo ich im Flugzeug sitzen werde. Trotz des vielen Ami-Fastfoods vom Vortag werde ich als „leicht“ eingestuft und bekomme einen Sitzplatz direkt hinter dem Piloten: 1A. Auch mein Handgepäck wird gewogen, jedes Kilo mehr oder weniger sei von Interesse. Kleiner Auszug aus den Terms and Conditions auf dem Ticket: „Passengers weighing 400 pounds or more will not be permitted to board our aircraft as weight and balance of the aircraft is a very important factor for the safe execution of every flight.“

Credit Mario Arnold

Und da ist sie also: Die kleine Cessna, die mich gleich nach Decatur bringen soll. Selbst die vorbeifahrende A320 wirkt daneben wie ein Gigant. Die gesamte Flotte von Air Choice One besteht aus fünf Flugzeugen. Das Streckennetz umfasst sechs Destinationen, von denen man bis auf Chicago keine kennt, z.B. Jonesboro und Burlington.

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Die beiden Piloten kommen persönlich zum Check-in und begrüßen uns Passagiere mit Handschlag. Das Flugzeug hat acht Sitzplätze, heute sind inklusive mir ganze drei Gäste gebucht. Auf Basis einer Liste mit unserem Körper- und Gepäckgewicht berechnet der Pilot auf seinem iPhone das Abfluggewicht und die Menge an benötigtem Treibstoff. Er hat sich zum Glück nicht vertippt.

Credit Mario Arnold

Über einen Notausgang bringt uns die Check-in-Dame zu Fuß über das Vorfeld und zum Flugzeug. Der First Officer schließt gerade die Tür auf… Air Choice One wirbt mit dem Claim „Your Personal Service Airline“ – persönlicher geht es wirklich kaum!

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Mangels Flugbegleitern zeigen die Piloten die Sicherheitsanweisungen selbst. Trennwand zum Cockpit? Fehlanzeige. Wir Passagiere bekommen das gegenseitige Abfragen der Checklisten bestens mit. Eine Sicherheitskarte befindet sich in der Sitztasche vor mir… dem Pilotensitz!

Credit Mario Arnold

Auf dem selben Runway, auf dem wenige Sekunden vorher und nachher Superjumbos starten, soll unser kleiner Vogel abheben… Ein bisschen mulmig ist mir schon. Dann heißt es: Ready for take-off!

Credit Mario Arnold

Abendlicher Blick auf die erleuchteten Straßen Chicagos: Wer die Aussicht auf kleine Häuser und Autos liebt, wird von der niedrigen Flughöhe begeistert sein. Wer Flugangst hat, für den ist es vielleicht nicht so beeindruckend… Gleichmäßig laut surrt der Propeller. Es wackelt etwas mehr als in einem großen Jet – bei Regen oder Gewitter sicher nicht ganz angenehm.

Credit Mario Arnold

Landung am Decatur Municipal Airport: Der Blick über die Schulter des Piloten fühlt sich an wie die erste Reihe im Kino.

Credit Mario Arnold

Online angepriesen als „relaxing getaway“ gibt es in Decatur eigentlich nicht viel zu sehen. Vorm Rückflug am nächsten Morgen wird bei Tageslicht deutlich: Selbst das Gebäude am Flughafen Kassel-Calden ist größer.

Credit Mario Arnold

Bei 12 Starts und Landungen pro Tag gibt es hier mehr als genug Slots. Mit Fördergeldern wird der gesamte Flughafen für unter 3.000 Reisende im Jahr aufrechterhalten. Ich habe einmal grob nachgerechnet: Jeden hier abfliegenden oder landenden Passagier subventioniert der amerikanische Staat mit etwa 1.000 USD. Mein Gate ist schnell gefunden – es gibt ja nur zwei. Der gesamte Sicherheitsbereich ist so groß wie ein Zimmer. Am Check-in verrät man mir: „Wir sind hier sehr stolz auf die Pünktlichkeit unserer Flüge. Oft haben wir kaum Passagiere, manchmal nur einen einzigen Fluggast – dann fliegen wir schon mal deutlich früher ab, wenn der Pilot Lust dazu hat.“

Credit Mario Arnold

Erinnerungsbild vorm Abflug zurück nach Chicago.

Credit Mario Arnold

An Bord der Cessna 208 Caravan gibt es bequeme Ledersitze. Jeder ist zugleich Fenster- wie auch Gangplatz. Die Beinfreiheit entspricht dem Platzangebot der Business Class auf Interkontinentalflügen. Wer das Flair eines Privatjets einmal günstig erleben möchte, für den ist Air Choice One ideal.

Credit Mario Arnold

Der Ausblick auf Illinois und die riesigen Getreidefelder ist fantastisch. Da man unter den Flügeln sitzt, ist die Sicht von jedem Sitzplatz aus unbeschränkt. Auch wenn Decatur touristisch nicht begeistert – die Reise dorthin überzeugt allemal!

Bildquelle für alle Fotos: Mario Arnold (privat)

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