Hartes Pflaster – Der Ton in sozialen Netzwerken wird deutlich rauher

Ist es nur ein persönlicher Eindruck oder lassen sich die deutschen Internet-User schneller auf 180 bringen als vor einigen Jahren? Eines ist sicher: Gerade in den sozialen Medien kann sich die Keule der Entrüstung extrem schnell gegen einen richten…

Nicht erst seit Stuttgart21, Impf-Plicht-Diskussionen und Pegida ist klar: Die öffentliche Meinung kann ziemlich aufbrausend sein. Dabei kochen die Emotionen der Deutschen nicht nur bei politischen Großdebatten innerhalb kürzester Zeit hoch. Vielleicht ist es nur meine individuelle Auffassung: Doch ich habe das Gefühl, dass selbst ein kleiner Funken mittlerweile ausreicht, um einen Kulturkampf anzuzetteln. Die Anonymität im Netz trägt dazu natürlich einen beträchtlichen Teil bei. Doch auch unter echtem Namen nehmen die User immer seltener ein Blatt vor den Mund.

Dass Unternehmen bei Facebook schnell einen kleinen Shitstorm auf sich ziehen können, ist ja nicht neu. Dennoch hat es mich vor einigen Monaten richtig schockiert, wie ein kleines Werbeposting der Iberia für günstige Südamerika-Flüge einen wahren Stein ins Rollen brachte und User dazu brachte, sich über den Service der Airline ziemlich unschön zu beschweren. Manche Kommentare erschienen mir derartig an den Haaren herbeigezogen, dass ich mich genötigt fühlte, hier und da für die Fluglinie Partei zu ergreifen. Just geriet sich selber ziemlich schnell an den Pranger und zog mich rasch aus der Diskussion zurück.

Gelikt wird schon längst nicht mehr alles...(Quelle: Flickr)

Gelikt wird schon längst nicht mehr alles…(Quelle: Flickr)

Ähnlich ging es mir bei der Facebook-Seite der MVG – der Münchner Verkehrsgesellschaft. In dem Fall jedoch genau auf der Gegenseite. Hierbei war ich derjenige, der sich auf Facebook über eine Reihe von Verspätungen beschwerte. Den anschließenden Gegenwind erhielt ich weniger von der MVG – den Job erledigten die eingefleischten MVG-Fans und U Bahn-Sammler.

Wie schnell sich nicht nur Gegner, sondern auch die Anhänger eines Unternehmens gegen einen richten können, spürte neulich ein Stern-Redakteur, der die Reaktion wahrscheinlich aber bewusst einkalkulierte. Er bezeichnete in einem Kommentar die Restaurantkette Vapiano als Pasta-Vorhölle und pseudomediterrane Sättigungsfabrik (Stern-Artikel) und erntete einen Sturm der Entrüstung bei den glühenden Anhängern des Unternehmens.

Auch an einem Teller Pasta kann ein Kulturkrieg entbrennen...(Quelle: commons.wikimedia.org)

Auch an einem Teller Pasta kann ein Kulturkrieg entbrennen…(Quelle: commons.wikimedia.org)

Ein üblicher Shitstorm, wie er jeden Tag dutzendfach vorkommt, wird der eine oder andere jetzt sagen. Dennoch hat sich in meiner Wahrnehmung etwas verändert. Liegt es daran, dass es Deutschland wirtschaftlich derzeit so gut geht oder warum entbrennt an so vielen eigentlich banalen Themen ein regelrechter Kulturkampf? Wie kann der simple Verriss einer Restaurant-Kette solch extreme Reaktionen hervorrufen? Einige Kommentare klangen so massiv, dass ich den Eindruck hatte, manche Kunden wären bereit, für ihr Lieblingsrestaurant in den Krieg zu ziehen.

Bezeichnete man den durchschnittlichen Deutschen vor einigen Jahren noch als relativ unpolitisch, beziehen viele Menschen bei den tagesaktuellen Themen sehr klare Stellung. Die ist oftmals nicht irgendwo in der Mitte zweier Extrempositionen angesiedelt, sondern immer häufiger ganz weit auf der einen oder auf der anderen Seite. Und zwar nicht nur bei großen Themen wie einem transatlantischen Handelsabkommen oder der Zuwanderung, sondern eben auch beim FÜR und WIDER gegenüber einer italienischen Pasta-Kette oder Iberia-Werbung…

Einen spannenden Beitrag darüber, wie auch Privatpersonen rasch in einen Shitstorm geraten können, liefert dieser Artikel (wenngleich die Dame auch recht naiv und politisch schon sehr unkorrekt war): Rheinische Post

Wie seht Ihr die Extreme der öffentlichen Meinung? Nur eine Randerscheinung sozialer Medien? Oder vielleicht sogar eine längst überfällige Entwicklung nach jahrelanger Gleichgültigkeit?

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