Collect moments – not Selfies

„Collect Moments not Things“ heißt ein Spruch, in dem meiner Meinung nach viel Wahres steckt. Denn gerade beim Reisen gilt für mich: Die Bilder in meinem Kopf sind für mich ein wesentlich besseres Souvenir als die Mitbringsel sämtlicher Märkte in Asien zusammen.

Die zunehmende Selfie-Kultur der letzten ein bis zwei Jahre hat es, denke ich, manchen Menschen noch schwerer gemacht, sich auf Reisen ganz und gar einem Moment zu verschreiben. Die Sucht, ein Bild von sich selbst vor bekannten Sehenswürdigkeiten zu machen, scheint größer als die Lust, sich einfach mal bewusst zu machen, dass man gerade da ist, wo man ist.

Vor einiger Zeit hab ich die pokalartige Sammlung von Selfies noch belächelt. Da stieg eine asiatische Reisegruppe am Traumstrand von Lombok kurz aus dem Van, stellte sich in voller Montur ans Wasser und drückte rasch auf den Auslöser, um zur Weiterfahrt gleich wieder in den Bus zu hüpfen. Sie hätten sich auch die Klamotten vom Leib reißen und ins Wasser springen können. Wäre auf jeden Fall lustiger gewesen.

Heute nervt mich dieser Wahn zunehmend. Schließlich machen die Selfie-Stangen mir meinen Urlaub auch ein Stück weit kaputt. Eine hölzerne Brücke im vietnamesischen Hoi An ist quasi nicht mehr passierbar, weil es von dutzenden Touristen wimmelt, die grinsend ihr Foto-Utensil in die Luft halten müssen. Mich andächtig auf die Brücke zu stellen und auf den Fluss zu gucken, kann ich mir damit praktisch abschminken.

Mittlerweile treibt die Fotografiererei derartig absurde Blüten, dass es schon die ersten Todesopfer gibt. Kein Witz! Ein Indonesier rutschte beim Knipsen bereits in einen Krater und ein Besucher des Taj Mahal fiel rücklinks die Treppe runter und erlag wenig später im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen.

Was soll das Ganze? Kommt dieser Trend nicht mal irgendwann wieder zum Erliegen? Kann bitte endlich mal eine Gegenströmung entstehen? Und damit meine ich keine überteuerten Karibik-Resorts, die ihren Gästen am Anfang des Aufenthalts das Smartphone abnehmen, um sie damit zum digital Detox zu zwingen. Detoxen ohne Selfie – das kann ich auch für weniger Geld.

Zugegeben, ich gehöre selber zu den Leuten, die häufig zum Handy greifen. Und auch ich verewige mich hier und da mal in stolzer Pose, um das Bild anschließend bei Facebook zu posten. Dennoch versuche ich während jeder Reise wenigstens ein paar Momente inne zu halten, um die Bilder in meinem Kopf zu speichern. Sonst wird der Urlaub doch zu nichts anderem als zu einem bloßen Konsumgut.

Fotos mache ich vielleicht zehn bis zwölf am Tag – andere machen hunderte! Auf einer Mini-Cruise in der Ha Long-Bucht stand ein Hobby-Fotograf aus England neben mir. Auf der Reise war er eigentlich gar nicht wirklich dabei, weil er die Motive praktisch zu 100 Prozent durch die Linse sah. Er selbst erklärte mir, so sehe er Details, die anderen entgingen. Die Kamera schärfe seinen Blick auf die Landschaft. Ich glaube eher, er macht sich da was vor.

War die Bucht grau, war sie halt mal grau….Quelle: commons.wikimedia

Ebenfalls kann ich mir nicht vorstellen, über jedes Foto einen Sepia-Filter zu legen. Wenn die Wolken über der Ha Long-Bucht nun mal grau waren, muss ich sie mit Instagram nicht zwangsweise in sanftes Gold tauchen. Andernfalls kann ich mir auch einen Bildband kaufen oder eine Posterwand für mein Schlafzimmer.

 

Fazit: Wer seinen Urlaub wirklich genießen möchte, sollte zumindest ab und zu mal auf Fotos verzichten und sich bewusst machen, was er da gerade erlebt! Und was die Selfies angeht: Die sind hin und wieder lustig, ab einem gewissen Maße nerven sie einfach nur. Auch wenn das Schicksal nicht jeden so böse erwischen muss wie die beiden Pechvögel vom Taj Mahal und indonesischen Krater…

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