Schlagbaum vor der Online-Lektüre:

Viele werden es bereits gemerkt haben – auch Spiegel Online zieht nun vereinzelt die „Bezahlschranke“ vor einzelnen Artikeln hoch. Damit setzt sich ein Trend unter Online-Medien fort. Wir haben unter den Wilde-Kollegen gefragt, wer die Schranke ablehnt und wer sie befürwortet. Zudem haben sich Desiree und Roberto einen kleinen Schlagabtausch zum Thema geliefert.

Eines ist sicher: Die Debatte um die Bezahlschranke ist kontrovers. Bei unserer Blitzumfrage fielen die Antworten der Kollegen beinahe 50:50 aus. Während die Befürworter argumentieren, dass Journalismus seinen Preis hat, betonen andere, dass Nachrichten und das damit verbundene Wissen kostenfrei zugänglich sein müssen. Ähnlich argumentieren auch exemplarisch Roberto und Desiree.

"Bezahlschranke" (c) vimeo.de

„Bezahlschranke“ (c) vimeo.de

Roberto – DAGEGEN:

Natürlich lebe ich nicht auf dem Mond. Auch ich weiß, dass Online- ebenso wie Print-Journalismus gegenfinanziert werden muss. Und das klappt bei den meisten Portalen bisher nur sehr bedingt – zumindest wenn sie ihre Website nicht mit unzähligen Werbeformen überfrachten wollen. Dennoch finde ich, dass wir derzeit in überaus gefährlichen Zeiten leben. Nicht nur knallharte AfD-Wähler wenden sich zunehmend von den klassischen Medien ab. Auch politisch gemäßigte Leser – oder eben Fernseh-Zuschauer – entziehen sich von Tag zu Tag mehr den ehemaligen Leitmedien. Im Print sorgt das für sinkende Auflagen, im TV-Bereich verzichten immer mehr Bürger auf Free TV und ziehen sich ins Bezahlfernsehen zurück. Tagesthemen und Heute Journal werden bald nur noch bedingt Zuschauer vor dem Fernseher versammeln. Woher werden sie ihre Informationen also künftig beziehen?

Facebook-Algorithmen sorgen immer gekonnter dafür, dass wir nur noch die Meinungen erhalten, die sich mit unserer eigenen decken. Auf die Weise wird unser Weltbild zusehends einseitiger. Impulse Andersdenkender können uns kaum mehr erreichen. Wir werden voreingenommen und beziehen die Quellen nur aus dem direkten Umfeld sowie unserer eigenen sozialen Schicht oder neudeutsch „Peer Group“. Umso wichtiger ist die Rolle von Websites wie Spiegel, Stern, SZ oder FAZ. Schaffen diese sukzessive ihre freien Inhalte ab, werden sie ihren ohnehin schon schweren Stand noch verstärken. Wer sich mit Händen und Füßen gegen die GEZ-Gebühr wehrt, wird vermutlich auch keine 99 Cent für einen Spiegel-Beitrag zahlen.

Koste es ,was es wolle: Wichtiger Content muss in irgendeiner Form finanziert oder quersubventioniert werden. Verlage haben ja schließlich heute unterschiedlichste Einnahmequellen – die reichen von Start-Up-Beteiligungen bis hin zum Vertrieb eines e-Readers. Aber der Zugang zu qualitativen Informationen MUSS zumindest in einem Grundumfang bestehen bleiben. Natürlich kann man argumentieren „Guter Journalismus kostet“ und an die Leser appellieren, dafür zu zahlen. Nur: Wenn es einfach keiner tut, wem ist denn dann eigentlich damit geholfen?

Desiree – DAFÜR:

Qualität kostet. Diese Aussage sollte meiner Meinung nach nicht nur für Lebensmittel, Möbel und Kleidung, sondern auch für Journalismus gelten und gesellschaftlich akzeptiert werden. Vor dem Boom der Online-Medien stand das auch nie zur Debatte. Journalisten wurden gut bezahlt, meistens nach Tarif und auch als freier Redakteur konnte man passabel vom Verkauf seiner Artikel leben. Zeitungen und Magazine kosteten eben. Als Leser hat man das nicht in Frage gestellt und die wenigen Euro pro Ausgabe taten niemandem weh.

Doch plötzlich war online alles kostenlos. Die Zeitungen stellten blind Artikel auf ihre Websites, man wollte das neue Medium mit Futter versorgen, Leser gewinnen. Dass man sich damit seine Zielgruppe verzieht, daran hat damals niemand gedacht. Die Auflagen der Printprodukte gehen zurück und Online-Auftritte werden immer wichtiger. Anzeigen und Verkauf der Printprodukte federn aber die hohen Personalkosten kaum ab. Darum werden die Redaktionen reduziert, Stellen abgebaut, Gehälter gekürzt. Darunter leidet natürlich vor allen Dingen die Qualität der Texte.

Weniger Personal heißt weniger Zeit für Recherche, weniger Zeit zum Lektorieren und weniger Zeit zum Nachdenken. Oftmals geht es nur noch um Klicks – wer hat die meisten? Medien, die früher einmal für journalistischen Anspruch und Qualität standen, haschen mit plakativen Überschriften um Aufmerksamkeit und wissen dabei, dass der Leser nach den ersten drei Sätzen gleich wieder von der Seite verschwindet. Der Artikel hinter dem aufregenden Teaser ist meistens leider oftmals eher fad, überaus kurz oder auf unzähligen anderen Kanälen schon genauso erschienen.

Ich finde, dass eine Bezahlschranke für Online Content hier Abhilfe schaffen kann. Gebt den Journalisten wieder Geld für ihre Arbeit, dann kehrt auch wieder die Qualität zurück und wir müssen uns nicht länger von Überschriften wie „Kaufst du öfter ein? Dann solltest du das unbedingt lesen!“ oder „Geschwister dachten, sie hätten nur alte Garage geerbt – dann finden sie DAS“ nerven lassen.

Netzwissen für alle? (c) wikipedia.org

Netzwissen für alle? (c) wikipedia.org

Zwei Kollegen, zwei konträre Meinungen. In beidem Fall plausible Argumente…In einem Punkt sind sie sich jedoch einig. Bisher zeigen sich bei den Online-Medien vor allem zwei Umgangsformen bei dem Thema: Die einen überfrachten die Seite mit Werbung oder plakativen Headlines, um Klicks zu erhalten, die die Werbepreise wiederum nach oben treiben. Die anderen setzen darauf, dass Leser für den Content zahlen.

Wie seht Ihr die Bezahlschranke? Wir freuen uns auf Eure Meinung!

 

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