Oh Schreck – das Sommerloch ist verschwunden…  

Wo ist es hin? Das Sommerloch. Einst fester Bestandteil im jährlichen PR-Kalender – heute eigentlich nicht mehr existent. Unser Geschäftsführer Thomas C. Wilde über ein Phänomen, das es  praktisch nicht mehr gibt.

Quelle: pixabay

Ja – ich gestehe: Wir haben es nahezu geliebt – haben darauf sehnsüchtig gewartet: das Sommerloch. Ein Ritual, das sich von Jahr zu Jahr mit eingebauter Garantie wiederholte. Der Politikbetrieb war in Urlaub, im Fernsehen liefen ausschließlich Wiederholungen, der „Tante-Emma-Laden“ um die Ecke wegen Ferien geschlossen. Und Journalisten in den Redaktionen zerbrachen sich im Schweiße ihres Angesichts täglich den Kopf darüber, wie sich Zeitungen, Radio- und TV-Sendungen während der allgemeinen Nachrichten-Flaute über mehrere Wochen mit Inhalten aufladen ließen. So liefen bereits zu Ferienbeginn erste Wetten, welches aus dem Terrarium ausgebüchste Reptil die Nation wohl in diesem Jahr über Wochen in Aufregung halten könnte. Noch heute werden Zeitungsleute und vor allem Verleger geradezu melancholisch, wenn sie an den Juli vor 25 Jahren denken: Der Volksschauspieler Walter Sedlmayr wurde in München ermordet. Der Boulevard tobte förmlich, das Sommerloch bot unendlich viel Platz und die Auflagen erreichten Rekordhöhen.

Im Sommer schlug auch die Stunde der politischen Hinterbänkler. Sie nutzten die Gunst der Stunde und meldeten sich mit zum Teil abstrusen Forderungen oder anderen Belanglosigkeiten zu Wort, die während des Jahres nicht das Papier wert waren, auf dem sie gedruckt wurden. Sommer – das bedeutete: Der Weg war frei für Nachrichten abseits jeder Relevanz. Mit Zustimmung des Publikums, denn der geneigte Bürger nahm es mit Fassung und einem Lächeln hin: Es war ja Sommer. Und das Nachrichtenloch eine nicht unwesentliche Begleiterscheinung – beinahe schon liebenswert. Denn im Sommer – manche werden sich auch daran noch erinnern –gehörte es zum guten Ton, einen Gang herunter zu schalten. Quasi der Freifahrtschein für die Sehnsucht nach Langsamkeit.

Und wieder ist Sommer. Alles wie immer? Auch heute wird der Begriff Sommerloch immer wieder bemüht. Als Begriff für ein paar Stunden, in denen die Drähte ausnahmsweise mal nicht heiß laufen, in denen ein Funke Langeweile aufzutreten scheint – trügerische Ruhe im Anflug. Aber eben auch nicht mehr. Seien wir ehrlich und gestehen uns ein: das „Sommerloch“ – wie wir es kennen – ist Geschichte, ist weg. Spurlos verschwunden – ohne sich zu verabschieden. Keine Todesanzeige in der Zeitung, kein Nachruf im TV. Schleichend, von niemandem so richtig wahrgenommen: ein kalter, einsamer Abgang. Die brutale Realität: die Informationsgesellschaft hat keine Zeit mehr für ein Sommerloch, im digitalen Zeitalter ist kein Platz mehr für ein Sommerloch. Das wird in diesem Jahr deutlicher denn je: die Politik hat sich Dauerbetrieb verordnet – der Wahlkampf verlangt seinen Tribut und mediale Präsenz auf möglichst allen Kanälen – und das am besten rund um die Uhr. Die Dauerschleife Trump, Erdogan, Putin, Flüchtlinge und eine Prise Wahlkampf diktieren die politische Agenda – C-Promis dominieren den Boulevard. Auf den Punkt gebracht: Sommerloch ist einfach Old School!

Keine Frage – der Killer ist längst aus der Deckung gekommen und steht zu seiner Tat: Der Tod des Sommerloches geht nicht zuletzt auf das Konto des Internets und insbesondere der Sozialen Medien. Blogger, Influencer und Sommerloch – das passt nicht. Die Nische aus verordneter Langeweile ist von denen besetzt, die eben auf diese Chance gewartet haben. Die Informationsgesellschaft kennt keinen Schlaf – geschweige denn Zeitunterschiede. Diese Entwicklung wäre noch hinzunehmen – gegen die Digitalisierung unseres Lebens ist halt kein Kraut gewachsen. Wer will sich schon als Verweigerer der Zukunft outen? Selbst auf der einsamsten Insel gehört die Frage nach dem Password fürs nächste WLAN quasi in die gesellschaftlich korrekte Begrüßungsformel.

Problembär Bruno. Quelle: TZ

Meine These: Das Sommerloch ist gar nicht verschwunden. Es ist da – war nie präsenter: und zwar mittlerweile an 365 Tagen. Rund um die Uhr, rund um den Globus. Sommerloch – so die traurige Erkenntnis beim Durchforsten der Medienkanäle – ist ganz offensichtlich immer! Zumindest im Hinblick auf Relevanz. Die tägliche Flut an Informationen scheint weder der Übersicht, noch übrigens der Zuversicht zu dienen. Aus einer Tonne Alltagsrealität wird das eine Gramm herausgenommen, das den User in Spannung versetzt und ihn zum Lesen, zum Anklicken motiviert. Der Rest bleibt auf der Strecke – landet in der Ablage. Die fatale Folge: Das Aufnahmevermögen der Medien-Konsumenten wird durch Banalitäten absorbiert. Keine Kapazität mehr für Bleibendes – das Hirn als Durchlauferhitzer für irrelevante Inhalte.

Und es stellt sich die Frage: Ist es der Relevanz bereits ergangen wie dem Sommerloch? Spurlos verschwunden? Oder ersetzt durch Banalität? Und nun? Verzweifelt gesucht – wanted dead or alive: ein langweiliger, gänzlich unaufgeregter und kalendarisch befristeter Sommer – mit garantierter Rückkehr der Relevanz nach der Sommerpause!

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